Im extremen Fels
Christoph Klein, Jürgen WinklerUmfang und Aufbau
Diese schöne Neuinterpretation von Walter Pauses Kultklassiker versammelt 100 „extreme“ Felsrouten in den Alpen, von West nach Ost, von Écrins und Mont-Blanc-Massiv bis zu Dolomiten, Gesäuse und Dachstein. Jede Route wird auf einer Doppelseite vorgestellt – mit einem klaren, handgezeichneten Topo, Schwierigkeit sowohl als Freiklettergrad als auch mit A0‑Optionen, einer Ernsthaftigkeitsbewertung „Gesamtanspruch“ sowie prägnanten Abschnitten zu Zustieg, Zeitbedarf, Absicherung, Felsqualität, empfohlener Ausrüstung, Abstieg und weiterführenden Quellen. Historische Schwarzweiß‑Wandaufnahmen von Jürgen Winkler sind mit aktuellen Actionfotos durchsetzt, was dem Buch sowohl dokumentarisches Gewicht als auch heutige Relevanz verleiht. QR‑Codes verlinken auf Routen‑Videos – viele von Christoph Klein –, was für die Planung und das Visualisieren von Schlüsselstellen und Abseillinien ungewöhnlich praktisch ist.
Inhalt und Nutzwert
Für Kletternde sind die wichtigen Kriterien gut abgedeckt:
- Topo‑Übersichtlichkeit: klare, gut lesbare Linien, Seillängen mit Graden beschriftet, und Schlüsselgelände (Rinnen, Rampen/Bänder, Couloirs) markiert.
- Absicherungs‑Hinweise: ehrliche Angaben zur Fixausrüstung, wo Cams/Keile unverzichtbar sind und wo die Qualität schwankt.
- Objektive Gefahren und Taktik: Steinschlagfenster, Gewitter-/Sturmexposition und realistische Zeitbudgets werden ohne Dramatisierung benannt.
- Historischer Kontext: kurze Essays verflechten Erstbegehungsgeschichten und stilistische Entwicklung, bewahren den ursprünglichen Pause‑Geist und aktualisieren die Ethik im Lichte heutiger Rotpunkt‑Standards.
Die Sprache ist lebendig, aber diszipliniert und hilft dir, den Ernst der Unternehmung abzuschätzen, bevor du einsteigst. Es liest sich wie ein Planungsbegleiter, nicht wie ein Anheizer.
Gebiete und herausragende Routen
Die Auswahl ist breit und gut getroffen. Highlights u. a.: der Grand Capucin (Bonatti sowie die Schweizerführe/O sole mio), Walker‑ und Croz‑Pfeiler an den Grandes Jorasses, Salbitschijen‑Westgrat, Piz Badile – Cassin, die Brenta‑Pfeiler (Crozzon, Ambiez), Civetta – Solleder, Marmolada – Vinatzer–Messner, die Nordwände der Drei Zinnen sowie ostalpine Prüfsteine wie die „Gonda“ am Oberreintaldom, die Direkte Nordwand an der Laserzwand und die „Diagonale“ am Dachl.
Anmerkungen zur Autorenschaft
Diese Ausgabe enthält eine berührende Würdigung des Co‑Autors Christoph Klein, dessen Filme und modernisierte Einschätzungen das Buch prägen; Winklers Archivbilder verankern es in der goldenen Ära der 1960er. Die Redaktion rahmt, wie sich alpiner Fels über fünf Jahrzehnte verändert hat – Bohrhaken, Freikletter‑Standards und Risikomanagement – ohne zu moralisieren.
Fazit
Akribisch kuratierte, sehr hochwertig produzierte Auswahl für erfahrene Alpinisten, die sich im Bereich UIAA VI–VII wohlfühlen und Wert auf Geschichte, ehrliches Beta und klare Topos legen. Kein Taschen‑Topo, aber eine inspirierende, verlässliche Referenz, um die großen Felslinien der Alpen auszuwählen – und zu respektieren. Klare Empfehlung.
Details
Leseprobe- Gewicht
- 1500g
- Verlag
- Panico Alpinverlag